Jan-Philipp Litza

Chicago – das Musical… auf Deutsch!? 10. Januar 2016

Der Grund für unseren bereits im letzten Blogpost erwähnten Kurzurlaub in Berlin war – ebenfalls am Dienstag – der Besuch des Musicals „Chicago“. Der stand eigentlich schon sehr lange an, schon als das Musical noch in Stuttgart aufgeführt wurde, aber irgendwie hat es nie geklappt. Da es Mitte Januar wieder weiterziehen sollte, und diesmal leider ziemlich weit weg (München), war der Urlaub um den Jahreswechsel herum also quasi unsere letzte Chance. Und was soll ich sagen: Es war toll!

Die Plakate am „Theater des Westens“, umgeben von Schneegestöber.
Die Plakate am „Theater des Westens“, umgeben von Schneegestöber.

Nun habe ich eine besondere Verbindung zu dem Stück: Ich habe es selbst gespielt. Kurz vor dem Abitur haben wir in der Musical AG der Schule 2008 „Chicago“ aufgeführt. Damals bekleidete ich die Rolle des bedauernswerten Amos Hart, der von der ganzen Welt verarscht und ausgenutzt wird. Nicht die beste Rolle in dem Stück, aber immerhin mit einem Solo-Stück.

Nun haben wir uns damals am Film von 2002 orientiert, der auch in der deutschen Version die Lieder im englischen Original verwendet. Und auch wenn ich nicht bei allen Liedern mitgesungen habe, so kannte ich natürlich trotzdem alle in- und auswendig (und tue es noch heute), weshalb ich sehr skeptisch war, ob eine gute deutsche Interpretation überhaupt möglich ist.

Es stellt sich heraus, dass die Antwort ein klares „Jein“ ist. Einige Stücke haben mich positiv überrascht und gefielen mir im Deutschen mindestens so gut wie im Englischen. „Class“ bzw. „Stil“ war mein Favorit in dieser Hinsicht. Und natürlich gab es auch einige Einlagen, die im Film oder dem Original vom Broadway gar nicht vorkommen. Bei Texten kam mir die Übersetzung aber leider sehr holprig vor. Dass mein Solo von damals tatsächlich mit „Mister Zellofan“ übersetzt wurde hat mich beispielsweise schwer geschockt, da der Begriff im Deutschen meinem Eindruck nach so gut wie nicht benutzt wird.1 Ebenso dass der Anwalt nun im Deutschen leider „Billi“ geschrieben werden musste, weil er in „All I Care About“ buchstabiert wird und das Y im Deutschen leider etwas länger als ein Takt ist. Oder dass im Cellblock Tango aus dem englischen „spread-eagle“ der „doppelte Spreizer“ wurde, von dem ich nun wirklich noch nie etwas gehört habe.

Das Musical hatte aber andere Stärken, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Während mir beim ersten Stück die Übersetzung von „Funny Honey“ mit „Schusseldussel“ noch albern vorkam, wurde bald klar dass sich ein überraschend komischer Humor durch das ganze Stück zog. Mal wird die eifersüchtige Velma beim Nachäffen ihrer Konkurrentin Roxie mitsamt der Leiter, an der sie hängt, einfach unter Kreischen weggeklappt. Mal wird die (fingierte) Schilderung im Gerichtssaal nicht nur erzählt, sondern veralbert nachgespielt. Und mal wird die total überdrehte Roxie vom Dirigenten nur verständnislos angeschaut, als sie ihm die Zeitung unter die Nase hält.

„Vom Dirigenten angeschaut?“ Jawohl, denn das Orchester sitzt bei diesem Musical ausnahmsweise mal auf der Bühne. Immerhin geht es ja um „All den Jazz“ der 20er Jahre, und den darf das Orchester live von der Bühne spielen. Dabei hat der Dirigent hier und da eine kleine Sprechrolle und Roxie versucht das mit dem Dirigieren auch mal – und scheitert kläglich.

Ebenfalls überrascht haben mich die… „Kostüme“. Mir war natürlich klar, dass es in dem Musical viel um Romantik, Erotik und Sex geht. Und vielleicht, daran erinnere ich mich nicht mehr so genau, war unsere Schulaufführung gegenüber dem Film bereits leicht entschärft. Aber schon die erste Schauspielerin, die die Bühne betrat, trug außer ihrer Unterwäsche nur einen Netz-Body. Warum die Männer hingegen stets ihre (immerhin recht engen) Oberteile und langen Hosen anbehielten, ist mir nicht ganz klar. Gestört hat es mich aber nicht, und allgemein hatte man sich recht schnell an die leichte Bekleidung der meisten Darstellenden gewöhnt – auch wenn sie natürlich bei manchen Szenen angebrachter war als bei anderen.

Insgesamt war es auf jeden Fall ein sehr schöner Abend. Nicht zuletzt vielleicht auch, weil wir wirklich verdammt gute Plätze hatten: Genau mittig und relativ weit vorne. Das Theater des Westens ist aber insgesamt auch kleiner, als wir es erwartet hatten – zumindest in der Grundfläche, denn in die Höhe gibt es immerhin 4 Ränge, von denen in unserer Vorstellung aber nur zwei besetzt waren.

  1. Ob das im Englischen anders ist kann ich aber natürlich nicht beurteilen.